Esteban Martin. Ausgabe 01 · MMXXVI
KI-Architektur statt Tool: was KMU wirklich brauchen

KI-Architektur statt Tool: was KMU wirklich brauchen

KI-Architektur statt Tool heisst für ein KMU: nicht das nächste Chatbot-Abo kaufen, sondern das System bauen, das der KI Kontext, Daten und einen klaren Prozess gibt. Das Modell ist austauschbar. Die Architektur drumherum entscheidet, ob am Ende Arbeit wegfällt oder nur ein weiteres Icon auf dem Desktop liegt. Ich baue nach diesem Prinzip mehrere Marken parallel, und die Lektion dahinter kommt aus einem Büro in der Ostschweiz.

Warum der Chatbot allein nichts löst

Ich war bei Aepli im Büro, im Bereich Wartung. Für jede Türe brauchte der Techniker eine Positionsliste: Türe 05-05 im EG 03. Den Grundrissplan musste man von Hand einzeichnen. Bei 1'600 Fenstern eines Spitals dauert das eine Woche.

Ein Chatbot hätte an dieser Aufgabe nichts geändert. Er kennt weder die Pläne noch die Positionslogik noch den Ordner, in dem die fertige Liste landen muss. Also habe ich mir überlegt, wie man den Prozess zerlegt: welche Daten es braucht, wo sie liegen, was der Techniker am Ende in der Hand halten muss. Erst danach kam die KI ins Spiel.

Das ist der Punkt, den die Tool-Diskussion übersieht. Die Frage war nie, welches Modell die Pläne liest. Die Frage war, wie die Pläne zum Modell kommen, nach welchen Regeln es zeichnet und wohin das Ergebnis fliesst. Das ist Architektur. Sie ist unspektakulär, und sie macht den ganzen Unterschied.

15

Minuten statt einer Woche

Positionslisten für 1'600 Fenster eines Spitals: vorher Handarbeit am Grundrissplan, heute ein automatisierter Durchlauf.

Eigenes Projekt im Wartungs-Bereich eines Ostschweizer Betriebs.

Tool oder Architektur: der Unterschied

Der Unterschied zeigt sich nicht im Werkzeug. Er zeigt sich in den Fragen, die vorher gestellt werden.

FrageTool-DenkenArchitektur-Denken
StartWelches Abo kaufen?Welcher Prozess frisst die meisten Stunden?
WissenDer Mitarbeiter tippt Fragen einDie KI bekommt Pläne, Vorlagen und Regeln als Kontext
AblaufJeder nutzt es anders, oder gar nichtEin definierter Durchlauf mit klarem Anfang und Ende
ErgebnisAntworten, die jemand prüfen mussEin fertiges Dokument am richtigen Ort

Man kann nicht einen neuen Mitarbeiter an den Stuhl kleben, ihm einen Stapel Papier hinlegen und sagen: du machst das jetzt. Genau so behandeln die meisten Betriebe ihre KI. Und wundern sich dann über generische Antworten.

Am Zugang liegt es nicht. 76,1 Prozent der Schweizer Erwachsenen nutzen laut einer repräsentativen Umfrage von Comparis und Innofact inzwischen KI-Chatbots, und 41,6 Prozent der Chatbot-Kenner setzen sie anstelle der klassischen Suche ein. Das Tool ist längst in jeder Hosentasche. Was in den Betrieben fehlt, ist der Unterbau, der aus dem Tool einen Prozess macht.

Erst zerlegen, dann automatisieren

Die Reihenfolge ist der ganze Trick. Sie kostet am Anfang mehr Denkarbeit als ein Abo-Abschluss, und genau darum wird sie so oft übersprungen.

  1. Den Prozess zerlegen: welche Schritte, welche Daten, welches Ergebnis.
  2. Der KI Kontext geben: Pläne, Vorlagen, Regeln, echte Beispiele.
  3. Erst jetzt automatisieren: den einen Ablauf, nicht alles auf einmal.
  4. Messen, ob das Ergebnis ohne Nacharbeit brauchbar ist.

Das gilt nicht nur für Grundrisspläne. Bei meinem eigenen Content-System war der Engpass nie die Ideen-Liste, sondern der tägliche Durchlauf. Wie ich das gelöst habe, steht in der Notiz Konsistenz schlägt Perfektion. Auch dort war die Antwort keine neue Software, sondern eine Architektur, die die Entscheidung aus dem Tag nimmt.

Ich verkaufe keine Stunden, ich verkaufe Architektur. Der Satz klingt nach Positionierung, ist aber schlicht die Beschreibung dessen, was bei einer Automatisierung den Ausschlag gibt: nicht das Modell, sondern das Gerüst, in dem es arbeitet.

Der Aufbau läuft öffentlich: mehrere Marken, ein System, Schritt für Schritt dokumentiert.

So arbeite ich
Esteban Martin
Esteban Martin

20 Jahre, St. Gallen. Maturaweg an der ISME, parallel Aufbau von SIGNEX, KI im KMU-Alltag. Schreibt über Werkzeug, Wirtschaft und Lernen. Mehr über mich →