Esteban Martin.
Kaltakquise als junger Gründer: die echte Lektion

Kaltakquise als junger Gründer: die echte Lektion

Kaltakquise als junger Gründer ist kein Verkaufskanal, sondern ein Kalibrier-Werkzeug. Ein Anruf bei einem fremden Betrieb zeigt innerhalb von zwei Minuten, was dort als Wert zählt. Ich habe das bei Schweizer KMU ausprobiert. Meine Definition von Wert hat den Test nicht überstanden.

Was ich am Anfang für Wert hielt

Ich bin mit meiner Lösung ins Gespräch gegangen. Automatisierung, Systeme, saubere Architektur. Der Satz, den ich vorbereitet hatte, beschrieb, was ich bauen kann.

Am anderen Ende sass jemand, der bis am Abend eine Offerte fertig haben musste. Meine Fähigkeiten waren für ihn keine Information. Sie waren Lärm.

Das war die erste Korrektur. Wert ist nichts, das ich mitbringe. Wert ist etwas, das im Betrieb schon existiert und weh tut.

Die zweite Korrektur kam beim Zuhören. Wer angerufen wird, sortiert in Sekunden: kennt der mein Geschäft oder verkauft der sein eigenes. Jede Sekunde, die ich über meine Werkzeuge rede, beantwortet diese Frage falsch. Ein Anruf ist kein Schaufenster, er ist eine Diagnose mit Zeitlimit.

Was der Betrieb für Wert hielt

Sichtbar wurde das erst, als ich aufgehört habe zu erzählen und angefangen habe zu fragen, was am Freitagnachmittag liegen bleibt.

In einem Metallbau-Betrieb habe ich im Bereich Wartung mitgearbeitet. Für jede Türe brauchte der Techniker eine Positionsliste: Türe 05-05 im EG 03. Den Grundrissplan zeichnete jemand von Hand ein. Bei 1'600 Fenstern eines Spitals dauert das eine Woche. Also habe ich mir überlegt, ob sich das automatisieren lässt. Von dort bin ich auf die KI gekommen.

Diese Woche ist die Währung, nicht das Modell dahinter. In einem Industrie-Mandat waren es 240 Stunden Handarbeit pro Jahr in einem einzigen Prozess. Genau diese Zahl öffnet ein Gespräch, meine Methode öffnet keines.

Was ich sagteWas ankam
Ich baue KI-AutomatisierungNoch ein Anbieter mit einem Werkzeug
Strategie und Bau in einer PersonInteressant, aber nicht heute
Bei Ihnen zeichnet jemand 1'600 Fenster von Hand einWoher wissen Sie das

Warum jung sein im Erstkontakt hilft

Jung zu sein wirkt am Telefon wie ein Handicap. Es ist eher ein Zugang.

Jung sein ist im Erstkontakt kein Nachteil. Es ist die Erlaubnis, die naive Frage zu stellen, die ein etablierter Berater sich nicht mehr leisten kann.

Dazu kommt die Struktur des Schweizer Marktes. Laut Bundesamt für Statistik sind 624'219 der 626'033 marktwirtschaftlichen Unternehmen in der Schweiz KMU, 561'952 davon Mikrounternehmen. Am Telefon ist deshalb meistens die Person dran, die den Prozess selber ausführt.

Keine Beschaffungsabteilung, keine Filterschicht. Wer die richtige Frage stellt, redet sofort mit dem Engpass. Ein Berater mit zwanzig Jahren Referenzen muss dort behaupten, dass er den Betrieb kennt. Ich darf fragen.

Was davon geblieben ist

Drei Dinge bestimmen seither jedes Angebot, das ich schreibe:

  • Ich frage nach dem Prozess, bevor ich über Technik rede.
  • Ich beziffere den Aufwand in Stunden, nicht in Funktionen.
  • Ich nenne die Zahl des Betriebs, nicht meine.

Das verändert auch, was ich verkaufe. Nicht Stunden, sondern Architektur: die Reihenfolge, in der ein Prozess auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt wird. Der Betrieb merkt den Unterschied sofort, weil die erste Frage eine Frage nach seinem Ablauf ist und keine nach seinem Budget.

Und die Anrufe, die ins Leere laufen, kosten dabei am wenigsten. Sie liefern die Sprache, die im nächsten Gespräch trifft.

Erst zerlegen. Dann automatisieren. Der Rest ist Reihenfolge. Warum ich die Suche nach dem perfekten Auftritt für den falschen Kampf halte, steht in der Notiz Der falsche Gegner.

Der günstigste Test für den eigenen Wert-Satz kostet drei Anrufe: fragen, was liegen bleibt, die Antwort in Stunden notieren, den Satz danach neu schreiben. Was ich dabei lerne, dokumentiere ich laufend offen auf der Startseite.

Esteban Martin
Esteban Martin

20 Jahre, St. Gallen. Maturaweg an der ISME, parallel Aufbau von SIGNEX, KI im KMU-Alltag. Schreibt über Werkzeug, Wirtschaft und Lernen. Mehr über mich →