Esteban Martin. Ausgabe 01 · MMXXVI
Build in Public: Beispiele, die den Handgriff zeigen

Build in Public: Beispiele, die den Handgriff zeigen

Build in Public zahlt sich nur aus, wenn die Meta-Beispiele einen Handgriff zeigen und nicht einen Fortschritt. Wer Wochenstände, Umsätze und Follower-Kurven postet, dokumentiert sich selbst. Wer den einen Arbeitsschritt zeigt, der sich geändert hat, wird zitiert. Von Lesern und von Maschinen.

Die Vorlage stammt aus dem angelsächsischen Indie-Umfeld: Zahlen offenlegen, Momentum erzeugen, Publikum sammeln. Sie funktionierte, solange ein Feed die einzige Verteilung war. Heute läuft ein wachsender Teil der Suche nicht mehr über den Feed und nicht mehr über Google, sondern über eine Maschine, die eine Antwort formuliert. Die zitiert keine Streaks. Die zitiert Aussagen.

Ein Fortschritts-Post beantwortet keine Frage

In der Suche steht neben allen Fach-Fragen eine ganz simple: «What does it mean to build in public?» Danach fragen Leute. Nach meinem Wochenstand fragt niemand.

Ein Beispiel aus meiner eigenen Arbeit: In einem Industriebetrieb in der Ostschweiz musste für jede Türe eine Positionsliste von Hand in den Grundrissplan eingezeichnet werden. Bei 1'600 Fenstern eines Spitals dauert das eine Woche. Heute läuft derselbe Schritt in 15 Minuten. Das ist kein Fortschrittsbericht, das ist ein Handgriff mit einem Vorher und einem Nachher.

Der Unterschied ist nicht Bescheidenheit, sondern Haltbarkeit. Ein Fortschrittsbericht altert innerhalb einer Woche, weil die Zahl daneben dann schon eine andere ist. Ein Handgriff altert nicht: die Woche Handarbeit war eine Woche, egal wann jemand den Text findet.

Maschinen zitieren Sätze, keine Kurven

Weil ein Handgriff nicht altert, ist er auch das Einzige, was eine Maschine weitergeben kann. Und das ist in der Schweiz kein Zukunftsthema. Laut der repräsentativen Befragung von Comparis und Innofact (1'035 Personen, März 2026) nutzen 76,1 Prozent der Erwachsenen KI-Helfer, und 41,6 Prozent der Nutzenden setzen sie anstelle einer Suche bei Google oder Bing ein. 2024 waren es 27,2 Prozent.

Was du veröffentlichstWas der Feed daraus machtWas eine Maschine zitieren kann
Woche 12, 340 Follower, erster KundeApplaus am Tag der Veröffentlichungnichts, die Zahl stimmt morgen nicht mehr
1'600 Fenster, eine Woche Handarbeit, heute 15 Minutendeutlich weniger Applausden ganzen Satz, samt Bedingung
Screenshot vom Umsatz-DashboardReaktionen, Neid, Nachfragennichts Nachprüfbares

Das heisst: gleicher Aufwand, zwei völlig verschiedene Halbwertszeiten. Google macht daraus keinen Formalismus, sondern misst schlicht, ob ein Inhalt jemandem hilft. Ein Text hilft, wenn er einen Vorgang erklärt. Nicht, wenn er einen Kontostand meldet. Und wer den Vorgang nie zeigt, produziert genau die Situation, die ich an anderer Stelle beschrieben habe: eine Beraterin zahlt fürs Webdesign und versteht nichts davon.

Der Einwand stimmt: Zahlen holen schneller Reichweite

Der stärkste Gegeneinwand ist nicht theoretisch. Zahlen-Posts holen mehr Reaktionen, und sie holen sie sofort. Ein Umsatz-Screenshot wird geteilt, eine Prozess-Beschreibung nicht. Wer Publikum aufbauen will, kommt damit in wenigen Monaten weiter als mit Werkstatt-Notizen.

Das stimmt, misst aber zwei verschiedene Dinge. Reichweite ist der Tag der Veröffentlichung. Auffindbarkeit sind die Monate danach. Der Zahlen-Post gewinnt den Tag und ist dann weg, das Meta-Beispiel verliert den Tag und bleibt abrufbar, zitierbar, verlinkbar. Wer beides will, schiebt die Zahl in den Feed und den Handgriff auf die eigene Seite.

Die These gilt nicht für jede Marke. Wer nichts baut, sondern Meinung verkauft, hat keinen Handgriff zu zeigen und sollte gar nicht erst so tun. Und sie gilt nicht als Akquise-Kanal für den nächsten Monat: die Wirkung baut sich über Monate auf, und sie greift erst zusammen mit dem, was ausserhalb der eigenen Seite über einen steht. Wer in vier Wochen Aufträge braucht, telefoniert.

Konkret für den nächsten Post: nicht «Woche 12», sondern ein Arbeitsschritt mit Vorher und Nachher, auf einer eigenen Seite, die Antwort im ersten Absatz. Der Aufbau läuft öffentlich, aber er läuft über die Handgriffe, nicht über die Kurve. Bei mir liegen die Werkstücke offen auf der Startseite.

Wer den eigenen Aufbau zeigen will, braucht ein Beispiel, kein Dashboard.

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Esteban Martin
Esteban Martin

20 Jahre, St. Gallen. Maturaweg an der ISME, parallel Aufbau von SIGNEX, KI im KMU-Alltag. Schreibt über Werkzeug, Wirtschaft und Lernen. Mehr über mich →